| Eine Legende
Auf dem Gipfel eines über dem Terchefluss ansteigenden Hügels ragt das Schloss von Zumelle empor. Man schrieb das Jahr 830 als die Ungarn, bei ihrem Versuch den Piave zu erobern, von den Knappen der kleinen zumellesischen Festung, deren Kommandant ein gewisser Licarone war, zurückgedrängt wurden.Er war bei seinen Kämpfern und bei der in der Nähe des Schlosses lebenden Bevölkerung sehr beliebt; man rühmte seine Tapferkeit und seine Gerechtigkeit und seine Befehle wurden vom Volk geachtet. Auch die zu vermählenden Frauen bewunderten und umringten ihn mit Liebenswürdigkeiten und reizenden Gaben, da sie hofften die Aufmerksamkeit des Herrn auf sich zu lenken, der ihren Anträgen gegenüber jedoch kühl und gleichgültig erschien. Eines schönen Herbsttages unternahm der Graf einen Spaziergang in der Umgebung des Schlosses und plötzlich wurde sein Blick vom Anblick eines Mädchens, das auf dem Rande eines Brunnens saß, angezogen. Sie erschien ihm wie der Tau, der am Morgen das Gras der Wiese mit unendlich winzigen Kristallen überzog und er war so ergriffen von ihr, dass er sich mit liebevollen Worten an sie wandte und nach ihrem Namen fragte. - Mein Name ist Merina - sagte das Mädchen und die Antwort kam mit der Lieblichkeit einer musikalischen Melodie über ihre Lippen. Der Graf führte das angenehme Gespräch mit dem Mädchen fort; aus der einfachen Unterhaltung entstanden erwiderte Liebesgefühle, die im Herzen des Grafen so tief verwurzelt waren, dass er Merina aufforderte ihm in die Tiefen des Schlosses zu folgen. Zwischen den beiden sprang der Funke der Liebe über und Licarone schlug Merina die Heirat und ein gemeinsames Leben im Schloss vor. Merina nahm an aber ein scheußliches Schicksal brach über die beiden jungen Menschen herein: während des Winters wurde der Graf in einem Gefecht so schwer verletzt, dass er starb ohne sein Kind, das Ergebnis ihrer Liebe, das Merina im Schoss trug, sehen zu können.Der Nachfolger von Licarone, der das Kommando im Schloss übernahm, war sein Bruder Ottochiaro. | | Einige Monate später, im darauffolgenden Sommer, flüchtete Merina aus Furcht, dass Ottochiaro sie von der zu gebärenden Kreatur trennen würde, aus dem Schloss und versteckte sich im Wald, wo sie ein schönes Mädchen, dem sie den Namen Nubilia gab, gebar. Das Mädchen wuchs zusammen mit der Mutter im Wald auf und entwickelte sich mit den Jahren zu einem reizenden Mädchen mit liebenswürdigen Manieren. Es lernte sehr früh sich mit den Tieren zu unterhalten, die es mit ihrer stillen Anwesenheit hüteten. Es erlernte die lautlose Sprache der Pflanzen, deren Botschaften ihr vom Wind, der ihre Blätter bewegte, übermittelt wurden. Aber die Nachricht dieses erstaunlichen Ereignisses verbreitete sich in kurzer Zeit und rief, beinahe als ob es sich dabei um eine erfundene Geschichte handeln würde, Verwunderung hervor. Alle sprachen von einem wunderbaren Mädchen dessen Haare so rotblond wie die Mähne eines Löwen waren, das im Wald lebte, mit den Bäumen sprach und sich von ihren Früchten ernährte. Das Gerücht kam auch dem Grafen Ottochiaro zu Ohren, der ausführlichere und genauere Erkundigungen einholen wollte. Die boshaften Damen der Grafschaft, die neidisch waren und ihre eigenen Töchter mit dem Schlossherrn vermählen wollten, berichteten Einzelheiten von dem wunderbaren Mädchen, die sie eher als Hexe denn als Fee darstellten. Aber der Herr hörte nicht auf so viel Geschwätz und befahl den Wachen ihm das junge Mädchen vorzuführen. Die Kämpfer begaben sich unverzüglich in den Wald, fanden die baumartige Behausung, in der Nubilia lebte, an ihrer Schwelle befand sich jedoch ein zartes und übel zugerichtetes, weibliches Geschöpf mit abgezehrtem und von den Wechselfällen der Vergangenheit gezeichnetem Gesicht. Es war Merina, die Mutter, die versuchte den Soldaten den Durchgang zu verwehren. Diese hatten kein Mitleid mit ihr und stießen sie so heftig weg, dass sie zu Boden fiel und starb.Fast sofort eilte die Tochter Nubilia herbei, die von den Kämpfern ins Schloss geschleppt und daran gehindert wurde, sich zu bücken um sie ein letztes Mal zu küssen. Sie wurde vor den Grafen geführt, der sie näher treten ließ, bis er ihr gut ins Gesicht sehen konnte: sobald sich ihre Blicke trafen blieb dem Grafen, der beim Anblick eines so schönen Gesichts, solch strahlender Augen und einer Haartracht von einer derart warmen Farbe, die bei seinem Volk wirklich ungewöhnlich war, verblüfft war, der Atem stocken. Und als der Herr ein Wort auszusprechen versuchte, war seine Aufregung so heftig, dass er plötzlich ohnmächtig zu Boden fiel.
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Die bösen Frauen sagten, dass dies auf die geheimen Mächte der “Hexe” zurückzuführen sei und Jago, der treue Knappe des Grafen, ließ sie sofort in eine dunkle Kammer des Schlosses einsperren. Dort blieb sie dreißig Tage; in der Zwischenzeit lag der von einer tückischen Krankheit befallene Graf im Bett, welche die gebildetsten Doktoren, die zu Rate gezogen wurden und um sein Bett versammelt waren einer Infektion zuschrieben, die von den ungarischen Invasoren nach Italien gebracht worden war, eine Infektion an der sich bereits einige andere Bewohner des Belluno-Tals angesteckt hatten; gegen dieses Leiden, das zum Tod führen konnte, wurde kein Heilmittel gefunden.Als der Graf das Todesurteil der Ärzte vernahm wollte er sich nicht geschlagen geben und ordnete an, bevor er starb die Hand von Nubilia berühren zu dürfen, eine Bitte, die großes Erstaunen unter den Untertanen hervorrief, aber sofort erfüllt wurde.Nachdem das Mädchen befreit war, bemerkte man, dass ihr die erlittene Strafe nach einem Monat Gefängnis nicht anzusehen, sondern dass ihr Äußeres schön und heiter war; all diese Zeichen erhöhten die Gewissheit, dass es sich bei dem Mädchen nicht um eine Hexe sondern um eine geheimnisvolle Fee handelte. Mit sanften aber gleichzeitig entschlossenen Worten bat sie Alle die Kammer, in der der Graf lag, zu verlassen und sie in den Dinkelgetreidewald zu bringen und dort alleinzulassen. Am Ende des sechsten Tag geschah dann das Wunder: als sich die Tür öffnete, sahen die Schlossbewohner ihren wohlbehaltenen Herrn mit der schönen Nubilia im Arm vor sich.Bedenkt wie groß das Erstaunen der Leute von Zumelle war, als sie von dem außerordentlichen Ereignis hörten! Es folgten glückliche Tage mit großen Feierlichkeiten. Ottochiaro und Nubilia liebten sich; es wurde damit fortgefahren das Getreide alle zwei Tage in den Wald zu bringen. Dieser Brauch wurde so lange weitergeführt bis die ungarischen Feinde, die bereit waren das Schloss erneut zu stürmen, sich wieder unterhalb der Mauern von Zumelle zeigten. Die rotblonde Fee versuchte mehrmals die feindlichen Linien, die das Schloss umschlossen, zu überwinden, um ihren Freunden des Waldes das Getreide zu bringen, aber sie wurde jedes Mal daran gehindert. Ohne die Hilfe der treuen Waldfreunde brach ein tragisches Schicksal über das liebe und bezaubernde Mädchen herein. Als sie, um ihre Freunde mit Nahrung zu versorgen, wieder einmal in den Wald vordrang, erreichte sie eine Stelle, wo der Rui mit dem Maor zusammenfloss; dort war Jago, der treue Knappe des Grafen postiert, der Wache hielt und die Manöver des Feindes ausspionierte; in der Finsternis bemerkte er einen sich nähernden Schatten und schoss, weil er sie mit einem Feind verwechselte, einen Pfeil ab, der die rotblonde Fee auf tragische Weise traf; sie, die tödlich verletzt war, suchte mit Mühe unter einer Linde Zuflucht. Jago, der den schrecklichen Fehler bemerkt hatte, eilte ihr zu Hilfe; kurz bevor sie starb nahm die Fee dem Knappen das Versprechen ab, dass er immer Getreide an diesen Ort bringen würde und versuchte ihm den geheimnisvollen Grund dieser Geste zu erklären aber es fehlten ihr bereits die Kräfte, so dass sie den Kopf neigte und verschied. Als Ottochiaro von dem tragischen Ereignis erfuhr, eilte er, nachdem er seinen Knappen wegen des schrecklichen Irrtums zum Tod verurteilen lassen hatte, an den Ort. Während der in Tränen aufgelöste Graf seine Nubilia umarmte und ihr Gesicht liebkoste ließen die umstehenden Bäume, als ob sie an diesem tiefen Schmerz teilhätten, ihre Blätter wie Tränen fallen. Daraufhin flüchtete der Graf zwischen die Mauern seines Schlosses, wo er an Betrübtheit starb. Die Legende erzählt, dass man an einigen Sommerabenden, wenn das Wetter schön ist, in den Räumen des Schlosses eine Mädchenstimme und im Wald, fast wie ein Echo, auch heute noch leise Stimmen und ein sanftes Blätterrauschen vernehmen kann.Dies ist die Legende von der rotblonden Fee, dem Mädchen, dass in den Wäldern Zuflucht und Schutz fand, deren Geschichte und Geheimnisse sie allmählich in Erfahrung brachte, mit denen sie sprach und von denen sie, wie eine Walnymphe, Nahrung und Schutz bezog. Beim Vernehmen dieser Geschichte ist es richtig, die Tatsachen über die dieselbe berichtet, zu respektieren: habt keine Furcht, wenn ihr Euch von diesem alten Glauben mitreißen lassen wollt, zweifelt ihn ruhig an, wenn ihr von Natur aus misstrauisch seid. |
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